Leseprobe: "Angst vor Äpfeln"




Wenn das Meer mich erreicht, finde ich mich damit ab, dass ich bereits morgen in einer anderen Stadt sein werde. Das Meer gibt es an vielen Orten, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich mich wieder an einem von ihnen befinden werde. Ich kneife die Augen zusammen, während ich versuche, die Sonne zu fixieren. Es gelingt mir nicht eine einzige Sekunde. Man wird blind, Lea, wenn man direkt in die Sonne schaut, höre ich Mutters Stimme, und Vaters Nicken knackt leise zwischen seinen Schulterblättern.

Nils lässt einen Stein über das Wasser springen. Wir müssen los, heißt das. Das Abkommen ist simpel. Nie länger als zweiundsiebzig Stunden in ein und derselben Stadt. Seit sechs Monaten geht das jetzt so. Und einmal mehr stimme ich der Abmachung zu, indem ich aufstehe und neben Nils den Weg zum nächsten Bahnhof beschreite. Mein Protest gegen dieses Ritual bleibt tief in mir verborgen. Jedesmal, wenn es wieder soweit ist, nehme ich mir vor, dass es nun anders sein wird, ich ihm sagen werde, dass ich nicht mitkomme. Doch dann schweigen meine Augen, ich sehe Nils dabei zu, wie er unser nächstes Ziel würfelt, eine Stadt, in der sich das Gestern zerreißen lässt und in der es nicht mehr als dreimal ein Morgen gibt.

aus: "Die Lossagung"
© Edition Thaleia



Mutter bügelte die Blusen und reihte sie auf wie Uniformen an einer Stange. Es roch nach Essen. Kartoffeln, Erbsen, Fleisch, eine salzige Soße. Auf der Unterseite der Tischplatte ertastete ich die eingeritzten Buchstaben meiner Kindheit, die niemals ein Wort ergeben hatten. Auch jetzt taten sie es nicht. "F", "R", "E". Freiheit. Freunde. Fremde. Frevel. Ich hatte nie gewusst, wie ich das Wort enden lassen sollte. Hinter der Wand waren die Geräusche der Nachbarn, in der Heizung das schwache Knacken der kalten Tage. Alles war so, wie ich es in Erinnerung hatte. Bis auf die Angst und den Schmerz; sie waren eingedunkelt wie geronnenes Blut.

aus: "Rückkehr"
© Edition Thaleia



Links und rechts nichts als Baumriesen. Wüsste ich nicht, dass es ein Fluss ist, in dem ich laufe, so würde ich annehmen, ich ginge seit Stunden im Kreis. Du hast mir die Haare hinters Ohr gestrichen, wenn der Tag zu Ende ging. Einmal nanntest du mich eine Nomadin. Ich protestierte; ich komme immer wieder hierher zurück, sagte ich, du findest mich an unserer Stelle am Fluss, das weißt du doch. Du ließest es nicht gelten. Ich habe gehört, du sprichst mit den Anzeigetafeln an den Bahnhöfen, sagtest du. Versuchst, jeden zu täuschen, indem du immer wieder zurückkommst. Nomadin. Ich presse die Lippen zusammen, doch mein Mund ist gespickt mit Eiswürfeln. Das Wasser ist frostig, es schmeckt wie dein Lachen. Die Kälte lähmt meine Glieder. Der Fluss ist breiter geworden.

aus: "Flussabwärts"
© Edition Thaleia






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